Die ostfranzösischen
Ortsnamen Vittel und Contrexéville stehen bei Menschen in aller Welt
für renommierte Markennamen von exzellentem Mineralwasser. Beide
Orte blicken auf eine lange und bedeutungsvolle Geschichte als
Thermalkurorte zurück.1
Vittel: exzellentes Mineralwasser und große Probleme
Der französische Ort
Vittel ist Hauptort des Kantons Vittel, der im Arrondissement
Neufchâteau des Departements
Vosges liegt. Mit rund 5.200 Einwohnern und einer Gesamtfläche von
24,13 Quadratkilometern ist es ein kleiner, aber bedeutsamer Ort für
die Region.2
Vittel ist ein anerkannter Thermalkurort im Nationalen Rat der
Thermalkurorte (CNETh) und mit 4.796 Kurgästen und 20.000
Tagesgästen der Thermaleinrichtungen im Jahr 2017 gut besucht.34
1854 erwab der Geschäftsmann Louis Bouloumié aus Rodez die
Gérémoy-Quelle in Vittel und begründete somit den Ruf von Vittel
als Thermalkurort, welcher seit 1855 offiziell als Heilbad für
Gicht-, Diabetes-, und Blasenleiden anerkannt ist.5
Historisch weist der Ort allerdings auch negative Seiten auf, denn er
wurde 1943 zum Sammellager für 300 Juden aus dem Warschauer Ghetto,
die später nach Auschwitz deportiert wurden.6
Die Nestlé Waters France (NWF) stieg 1969 in die Vermarktung der
Mineralwassermarken Vittel und Hepar ein und wurde Teilhaberin der
Société Générale des Eux Minérales de Vittel. Seit 1991 ist NWF
Mehrheitseignerin des Unternehmens.7
NWF beherrscht 32,4% des französischen Mineralwassermarktes und
füllt nach unbestätigten Quellen täglich Millionen Flaschen an
Mineralwasser ab. Dies lässt sich in der Tat folgendermaßen
annähernd berechnen: Es werden jährlich 8,4 Milliarden Liter
Mineralwasser von 66 Mio. Einwohner Frankreichs konsumiert. Das
entspricht einem täglichen Konsum von ca. 23 Millionen Litern.
Vittel beherrscht, wie bereit erwähnt, 32,4% dieser Produktion, also
7,44 Millionen Liter täglich.8
Das abgefüllte Wasser wird auch in mehrere europäische Länder
exportiert, darunter auch Deutschland. NWF
erzielte im Jahr 2018 einen Umsatz von 6,96 Milliarden Euro.9
Dabei beschäftigt NFW in Frankreich 2.500 Menschen, 900 davon am
Abfüllort Vittel. Daraus lässt sich schließen, dass das
Unternehmen einer der größten Arbeitgeber der Region ist.10
Foto: Alain Delpey (Vittel, Le Grand Hôtel)
Foto: Roger Andrews (Die Marke Vittel ist engagiert im Sport-Sponsoring)
Worum geht es in Vittel?
NWF wird von der
französischen Verbraucherorganisation „60 millions de
consommateurs“ und der Dachorganisation der französischen
Naturschutzverbände FNE beschuldigt, den Grundwasserspiegel Vittels
unverhältnismäßig und irreparabel gesenkt und damit die
Wasserversorgung der Bevölkerung gefährdet zu haben.11
NWF hat das Recht,
dem Quellort jährlich 1 Million Kubikmeter zu entnehmen. Die in
Vittel ansässige Käserei Ermitage entnimmt dem Dorf jährlich
weitere 600.000 Kubikmeter an Grundwasser. Zwei Unternehmen
verbrauchen somit die Hälfte der in Vittel und den Nachbargemeinden
verfügbaren Wassermengen. Jährlich entsteht dabei ein Defizit von
800.000 Kubikmetern Grundwasser. Bereits in den 1970er Jahren war das
Problem des Wasserdefizits durch die privatwirtschaftliche Entnahme
in Vittel bekannt, wobei es damals mit 2,5 Millionen Kubikmetern
deutlich schlimmer war als heutzutage. Damit in Zukunft die
Wasserversorgung der Bevölkerung gesichert werden kann, werden dazu
seit 2010 technische Szenarien untersucht.12
Französische Medien berichteten 2016, dass in Haushalten und Hotels
der Wasserverbrauch reduziert werden solle. Von Seiten Nestlé wurde
erklärt, der Beitrag des Unternehmens zur Wassereinsparung wäre
bereits geleistet worden, da die Wasserentnahme des Unternehmens seit
2006 um 20% gesenkt worden sei.13
Im März 2017 folgte dann der Vorschlag der regionalen Kommission für
das Wassermanagement (CLE), das Wasser für den privaten Verbrauch
der Bewohner Vittels in Zukunft durch eine Wasserleitung von mehr als
10 km Länge aus Nachbargemeinden zu beschaffen. Durch die für die
Wasserleitung entstehenden Kosten von bis zu 20 Millionen Euro in 20
Jahren, müsste der Wasserpreis von € 0,20 auf € 1,00/m³
steigen.14
Die Wasserentnahme durch NWF zu reduzieren, wurde von der Kommission
jedoch nicht vorgeschlagen. Für Umweltverbände und
Verbraucherorganisationen stellt der Vorschlag von NWF einen
drohenden Verstoß gegen die französische Umweltgesetzgebung dar,
denn diese schreibt vor, dass die nachhaltige Verwendung von
Trinkwasser in erster Linie den Ansprüchen der Bevölkerung und der
ausreichenden Versorgung mit Trinkwasser dienen muss.1516
Seit 1990 ist der Grundwasserspiegel in Vittel jährlich um 30 cm
gefallen. In den letzten 40 Jahren ist er um insgesamt 10 m gefallen.
Bei gleichbleibenden Entnahmemengen müssten die vorhandenen Vorräte
um 2050 erschöpft sein. 17
Aus dieser dramatischen Entwicklung entsteht für Vittel ein Dilemma.
Zum einen werden die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung Vittels
und die Landwirtschaft langfristig durch die beiden Unternehmen NWF
und Ermitage bedroht. Um dieses Defizit zu kompensieren, wird viel
Geld benötigt, und dies zu Lasten der Bevölkerung, denn die
Wasserpreise werden enorm steigen müssen. Zum anderen ist NWF einer
der größtenArbeitgeber der Region und gleichzeitig auch der größte
Steuerzahler, denn 27% des städtischen Haushalts Vittel (5 Mill.
€/Jahr) stammen aus den Mineralwassersteuereinnahmen des
Unternehmens. 18
NWF macht geltend, das Unternehmen verhalte sich gesetzeskonform und
agiere stets nach dem Prinzip der Nachhaltigkeit: nicht mehr Wasser
entnehmen als nachfließen kann.19
Auch macht NWF geltend, dass durch AGRIVAIR, eine unternehmenseigene
Firma, um den Entnahmeort herum eine 10.000 ha große Fläche völlig
frei von Pestiziden bewirtschaftet und damit der Schutz der
Wasserqualität optimal betrieben wird. Dafür hat AGRIVAIR
zahlreiche Verträge mit vielen Landwirten und landnutzenden
Unternehmern geschlossen.20
Das
Beispiel Vittel verdeutlicht eine grundsätzliche Problematik, mit
der die EU seit langem zu kämpfen hat:
1.
Bedeutet das Menschenrecht auf den Zugang zu Trinkwasser, dass dieser
Zugang zwingend durch öffentliche Unternehmen (z.B. kommunale
Wasserwerke) gewährleistet wird oder gelten auch für das Gemeingut
Wasser die gleichen europäischen Marktregeln wie für andere
Konsumprodukte, die durch Privatunternehmen bereitgestellt
werden?21222013
versuchte die EU-Kommission, die Wettbewerbsregeln für die Vergabe
von Konzessionen zur Wassernutzung und -versorgung so zu ändern,
dass in Zukunft jede Konzession nur nach einer europaweiten
Ausschreibung vergeben werden dürfte. Aus Deutschland kam dagegen
heftiger Widerstand, z. B. durch den Verband kommunaler Unternehmen
(VKU). Die EU-Kommission nahm ihren Vorschlag nach den heftigen
Protesten vorläufig zurück. In der heftigen Auseinandersetzung
machte die EU-Kommission geltend, dass die Verpflichtung zur
Kommunalisierung der Wasserversorgung wettbewerbswidrig sei und
letztlich für die Konsumenten nachteilig sei.23
2.
Zur Wasserversorgung gehört weit mehr als die bloße Nutzung von
Quellen oder natürlicher Wasserreservoirs. Der Schutz der
Wasserressourcen vor Verunreinigungen (Nitratbelastung durch
Überdüngung, Mikroverunreinigungen durch Medikamente und chemische
Stoffe usw.) und vor den Folgen des Klimawandels erfordert immer
aufwändigere Investitionen in die Infrastruktur.24
Der VKU vertritt die Position, dass solche Aufgaben nur durch die
öffentliche Hand zukunftsgerecht gestaltet werden können.25
NWF macht für
Vittel hingegen geltend, dass das Unternehmen umfangreiche Maßnahmen
zum Schutz des Wasserreservoirs unter Vittel getroffen hat.26
Viele Menschen in der EU und weltweit trauen privatwirtschaftlichen
Unternehmen nicht zu, das notwendige langfristige und aufwändige
Engagement zum Schutz des wertvollen Gemeinguts Wasser auf sich zu
nehmen und an erster Stelle die zu versorgenden Menschen und nicht
den Unternehmensgewinn zu setzen. Das lebhafte Interesse an den
Aktienmärkten am Handel mit dem Rohstoff Wasser gibt dieser Position
aus einem ganz anderen Blickwinkel Recht.27
Aber auch privatwirtschaftliche Unternehmen sind an einem Schutz der
Wasserressourcen interessiert. Dies führt zu dem dritten wichtigen
Punkt in diesem Konflikt.
3.
Unternehmen, die mit einer begrenzten Ressource ihr Geld verdienen,
werden – um es in Bildern auszudrücken – nicht den Ast absägen,
auf dem sie selbst sitzen bzw. die Kuh schlachten, die ihnen Milch
gibt. Dies trifft insbesondere auf Unternehmen zu, die so
ortsgebunden arbeiten müssen wie NWF.
Anders nämlich als die großen weltweit operierenden
Wasserunternehmen (wie z.B. Suez, Aqua America oder Veolia) ist
Nestlé wie andere Mineralwasserproduzenten auch auf die Erhaltung
der Quellorte angewiesen. Die Markenentstehung in der
Getränkeindustrie ist in vielen Fällen von einem unverrückbaren
Standort abhängig (z.B. Kölsch, Bitburger, Gerolsteiner,
Bordeauxwein, Champagner) und kann deshalb nicht verlagert werde. Die
Marke Vittel wird von NWF
mit großem Aufwand als gesundheitlich und ökologisch wertvoll sowie
dem Standort und dem Schutz der Ressource verpflichtet dargestellt.28
Der Konflikt in Vittel ist deshalb von großem politischen Interesse,
weil Nestlé der Wohnbevölkerung zumutet, ihr Gemeingut Wasser aus
anderen Quellen zu beziehen, um die wertvolle Ressource weiterhin
möglichst lange international zu vermarkten. Diese Politik der
Auslagerung der Wasserversorgung betreibt Nestlé auch in den USA (s.
weiter unten unter 5.2) Es geht also um die Frage: Darf Nestlé der
Bevölkerung von Vittel den Zugang zum eigenen Trinkwasser verwehren?
Darf Gemeingut auf diese Weise von einem Unternehmen in ein
Handelsgut umgewandelt werden?29
Folgen des Water Grabbing
In Vittel geht es„lediglich“ um die
Auslagerung der Wasserversorgung . Anderswo trifft „Water Grabbing“
die Bevölkerung noch viel härter, denn das Fehlen von präzisen
Katastern, ein unzureichendes Rechtssystem zur Absicherung von
Landeigentum und die von Regierungen unterstützten Landverkäufe an
große Unternehmen zerstören die Subsistenzwirtschaften und treiben
schließlich die Menschen in die Migration.30
Die Quellen und internationale Fallbeispiele zeigen, dass jedoch
sowohl die Gewinner als auch die Verlierer die langfristigen Folgen
des „Water Grabbing“ nicht sehen wollen.31
Um den totalen Verlust der
Grundwasserreserven und weitere Schäden in Vittel zu vermeiden,
könnte theoretisch die Förderung des Mineralwassers dort
unterbunden werden. Allerdings würden Hunderte Arbeitsplätze
verloren gehen und die Steuereinnahmen massiv einbrechen. Das
Département Vosges hat zu einer Reihe von öffentlichen
Veranstaltungen ab Ende Januar 2019 aufgerufen, bei denen
verschiedene Szenarien vorgestellt werden sollen, die alle zum Ziel
haben, das entstandene Defizit von 1 Mio. m³
Grundwasser/ Jahr auszugleichen. Das erste Szenario, nämlich
die Wasservorräte unter Vittel durch zusätzliche Bohrungen
aufzufrischen, stammt von der örtlichen Wasserkommission. Ein
anderes Szenario wird vorgestellt von dem Kollektiv eau 88, das die
Gegner von Nestlé und der örtlichen Wasserkommission versammelt. Es
fordert die Aufhebung der staatlichen Dekrete, die Nestlé seinerzeit
das Recht gegeben haben, das Mineralwasser aus den
Grundwasservorräten zu gewinnen.32
Der Vorschlag von Nestlé, das Trinkwasser für die Bevölkerung
Vittels, aus anderen 15 km entfernt liegenden Orten zu betreiben, ist
immer noch präsent. Bis März 2019 lagen noch keine Auswertungen
bzw. Ergebnisse vor. Dies wird jedoch auch durch die parallel
laufende Untersuchung des Gerichtes in Nancy verlangsamt, denn dieses
prüft aktuell, ob es in den Gremien, die sich mit dieser
Auseinandersetzung befassen, zu enge personelle Verbindungen zu NWF
gab.33
. Das Beispiel Vittel und Nestlé
ist deshalb für die Wasserpolitik der EU – dazu weiter unten -
bedeutsam, weil es ein sehr bekanntes Handelsprodukt und
gleichzeitig das Grundnahrungsmittel der Bevölkerung betrifft und
zugleich das seit Jahrzehnten immer wieder in der EU diskutierte
Problem des Widerspruchs zwischen öffentlichen Gütern (Wasser,
Luft, Infrastruktur, Gesundheitssysteme, Bildung) und deren
privatwirtschaftliche Nutzung betrifft.
1vgl.
Destination Vittel – Contrexéville: Le therme de Vittel.
2vgl.
Wikipedia: Vittel. 2018.
3vgl.
La Medicine Thermale: Le CNETh.
4vgl.
Ville Vittel: Vittel Inf'eau. Tourisme-Thermalisme. Vittel6 :
2018, S.14.
5vgl.
Jansdoll Book: Histoire de Vittel – Creation d'une ville thermale.
2018.
6vgl.
Gedenkorte Europa 1839 – 1845: Vittel. Die Ereignisse.
7vgl.
Nestlé Waters France: Histoire. Les Grandes Dates de l'Histoire.
8vgl.
Nestlé Waters France: Chiffres Clés. Nos chiffres clés en 2015.
9vgl.
Nestlé: Nestlé reports full-year results for 2018.
10vgl.
Nestlé Waters France: Chiffres Clés. Nos chiffres clés en 2015.
11vgl.
France Nature Environnement: Nestlé: les habitants de Vittel priés
des puiser leur eau dans les territoires voisins. 2018.
12vgl.
Chairopoulos, Patricia: Nestlé accusé d'épuser l'eau de Vittel.
2018.
13vgl.
Masson, Victoria: Le niveau de la source de Vittel inquiète. 2016.
14vgl.
Chairopoulos, Patricia (2018)
15vgl.
France Nature Environnement (2018)
16vgl.
Legifrance, le service public de la diffusion du droit: Eau et
millieux aquatiques. 2006.
17vgl.
Service Géologique National (BRGM): Évaluation économique du
programme de mesures de SAGE GTI. 2014.
18vgl.
Klingsieck, Ralf: Wasserquelle nur noch für Nestlé. 2018.
19vgl.
Nestlé Water France: Puiser sans épuiser.
20vgl.
Nestlé Water France: Protéger la ressource en eau avec AGRIVAIR.
21vgl.
Wasser in Bürgerhand: Materialsammlung.
22vgl.
Neujeffski, Moritz: Menschenrecht auf Wasser muss im Grundgesetz und
den europäischen Verträgen abgesichert werden!. 2013.
23vgl.
ARD, Tagesschau: Trinkwasser wird nicht privatisiert. 2013.
24vgl.
Zeit online: Die Wasserflügel. Die kommunalen Unternehmen wehren
sich. S.2.
25vgl.
Verband kommunaler Unternehmer e.V.: Für einen nachhaltigen Schutz
unseres Wassers. S.1 f.
26vgl.
Nestlé Water France: Protéger la ressource en eau avec AGRIVAIR.
27vgl.
Finanzen100: Wasseraktien.
28vgl.
Nestlé Water France: Puiser sans épuiser.
29vgl.
France Nature Environnement (2018)
30vgl.
Grain (2012)
31vgl.
The Oakland Institute (2011); S.2 f.
32vgl.
Demeaux, Mickael: L'heure des concertation pour la nappe GTI:
reprise mercredi 16 janvier à Contexéville. 2019.
33vgl.
Vosges matin: Nappe GTI: une enquête judiciare toujours en cours
pour un éventuel conflit d'intérês. 2019.


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